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Flucht von der Hudson Bay

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Erschien am: 28.11.2008
Art.Nr.: RMZ3831135010
Kategorie: Bücher
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Eddie war unruhig. Er hätte am Liebsten gleich jetzt schon alle seine Kaderleute über seinen geplanten Urlaub informiert, wusste aber, dass der Zeitpunkt noch nicht der Richtige war. Er würde warten müssen, bis erstens Shannon ihre Zustimmung zum Projekt „Kreuzfahrt“ gegeben hatte, (denn ohne diese wäre eine Durchführung hoffnungslos) und zweitens darauf, dass Tammy wirklich die richtigen Unterlagen besorgt hatte. Nach deren Studium würde er sich entscheiden, ob, wohin die Reise führen würde und vor allem wann die Urlaubswochen stattfinden würden. Er sass wie auf Nadeln. Dies war sonst gar nicht seine Art, aus der Ruhe zu kommen. Es klopfte an die Tür.


„Eintreten, wenn Sie in guter Absicht gekommen sind!“, rief er und legte die Akte, welche er gerade studiert hatte, beiseite. Die Türe öffnete sich und Tammy trat ein, mit dem Stapel der besorgten Unterlagen unter dem Arm. „Hallo Tammy, schön Sie zurückzuwissen. Jetzt kann ich beruhigt den Überzeugungsversuch vorbereiten.“ „Hat aber auch Nerven gekosten!“ „Das werden Sie sicher verkraften können, so jung und hübsch wie Sie sind!“ „Sicher schon, aber die zwanzig Pfund Sterling, die ich für die Bahnfahrt ausgegeben habe, die verkrafte ich nicht einfach nur so, weil ich jung und hübsch bin!“ Leise knurrend hob Eddie seinen Veston auf Brusthöhe ein wenig an und klaubte mit einem sicheren Griff seine Brieftasche hervor, zwängte Zeigefinger und Daumen in das Notenfach, klemmte zwischen seinen Fingern einen Zwanzig-Pfund-Schein fest und zog diese heraus. Noch heute tat es ihm weh, wenn er sich von Banknoten trennen musste. Ein Phänomen, welches ihn seit seiner Kindheit begleitet hatte. Zu Geld an und für sich hatte Eddie mittlerweile keinen Bezug mehr, sein Vermögen hatte sich in den Jahren konstant immer und immer wieder vergrössert. Geld ausgeben machte ihm sogar Spass. Lediglich wenn es um Bargeld, vor allem aber Banknoten, ging, dann schmerzte es. „Hier sind zwanzig Pfund! Ist schon richtig, dass Sie sich wehren, wenn ich so etwas einmal vergesse. Das kann es in meinem Alter schon mal geben.“ „Macht nichts, Herr Palmer, Hauptsache ist doch, dass meine Auslagen gedeckt sind. Sonst nichts.“ „Ja, sonst nichts. Auch keine Gehaltserhöhung zu Weihnachten? Das ist ja schön, so kann ich mir bereits wieder einen Termin streichen!“ „Das ist sicher ein Scherz!“, schmunzelte Tammy amüsiert und verliess den Raum. Hätte Eddie sie von vorne sehen können, hätte er gemerkt, dass sie ein wenig gekränkt war. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben nach dieser kleinen, aber nicht unwichtigen Unterredung. Sie schwor sich aber, keine Miene zu verziehen und niemandem die Möglichkeit zu geben ihre Schmach zu entdecken. Sie fürchtete sich davor, ausgelacht zu werden. Die anderen mochten dies sehr, Tammy auszulachen. Sie machten hin und wieder verletzende Sprüche darüber, wie Tammy sich gegenüber ihren Vorgesetzten verhielt. Dazu noch so, dass Tammy sie hören musste: im Fahrstuhl, auf der Toilette. Immer in der richtigen Lautstärke. Manchmal fühlte sich Tammy am falschen Ort, ausgegrenzt und ohne wirkliche Freunde am Arbeitsplatz. Gerade jetzt überlegte sie sich einmal mehr, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn sie sich nach einem neuen Arbeitsplatz umsehen würde. Allerdings wäre dann auch Eddie unerreichbar weit weg. Ein für allemal. Es wäre ohnehin besser und nervenschonender. Manchmal hatte Tammy das Gefühl, dass die anderen sie beneideten, obwohl es dafür keinerlei Anlass gab. Sie war nicht besser als die anderen und auch Eddie hatte kein anderes Verhältnis zu ihr als zu den anderen auch. 

Sie beschloss, die Sache einfach ruhen zu lassen und den Tag abzubrechen, nach Hause zu fahren und sich zu erholen. Morgen würde die Angelegenheit wieder vergessen und die Welt wieder in Ordnung sein. Nur Kaffee würde sie Eddie nicht bringen, auch morgen nicht. 

*** 

Die Sonne senkte sich langsam über den Hafen von Southampton. Mit ihr verschwand auch die angenehm warme Sommerabendluft und machte einer frischen Brise Platz. Tom Barker hatte den ganzen Tag mit Betteln zugebracht. Jetzt erstellte er gerade die Tagesbilanz. Dreizehn Pfund, sechzig Pence hatte ihm der Tag eingebracht. Nicht gerade viel, aber immerhin genug um eine grosse Portion Fish and Chips zu essen. Auch für die eine oder andere Dose Bier würde es reichen. Seine Hosen standen vor Dreck und die Schuhe waren eigentlich keine Schuhe mehr, so viele Löcher hatten sie. Er erinnerte sich daran, wie er sie vor sechs Jahren gestohlen hatte. Beinahe wäre er damals erwischt worden, als er seine alten Schuhe wieder ins Regal zurückstellte und mit den neuen den Laden verliess. An seine letzte wirkliche Bleibe konnte er sich schon gar nicht mehr erinnern. Lediglich eines war noch fest in seinem Gedächtnis verankert: das Haus seiner Eltern. Gerne hätte er ihr Haus übernommen, damals als sie auf tragische Art und Weise bei einem Autounfall ums Leben kamen. Da seine Schulden aber so hoch waren, musste er das Haus verkaufen, um die ausstehenden Beträge begleichen zu können. Dies hatte sein Herz zerrissen. Nicht nur hatte er mit dem Verlust seiner Eltern zu kämpfen gehabt, sondern er hatte gleichzeitig die letzte Erinnerung an sie verkauft. Das Haus. Ein Spekulant hatte das stattliche, standesgemässe Haus damals gekauft und sogleich abgerissen, um ein Hotel auf dem Grundstück zu bauen. Zwei Tage nach der Unterzeichnung des Verkaufsvertrages fuhren die Bagger mit der Abrissbirne auf. Mit einem Schlag und unter grauenhaftem Getöse zerbarsten die Fenster, Dachziegel und die Balken, bis schliesslich der Rest des Hauses in einer grossen Staubwolke in sich zusammenfiel. Nur fünf Monate danach stand ein Hotelbunker an jener Stelle. Limousinen fuhren vor und wieder weg. Tom hatte alles verloren. Er lebte seither auf der Strasse, bekam kein Bankkonto, weil er keinen festen Wohnsitz hatte. Weil er kein Bankkonto hatte, bekam er auch keine Arbeit, weil die Firmen eine Kontonummer brauchten um seinen Lohn zu überweisen. Kein Bankkonto, kein Lohn. Eine Wohnung oder gar ein Haus bekam er keines, weil er keinen Lohn nachweisen konnte. Schuld an alledem waren Spekulanten, aber auch er. Zwar nur ein wenig, aber er gestand es sich ein, dass er früher über seinen Verhältnissen gelebt hatte und heute dafür büssen musste. Darüber beklagt hatte er sich noch nie. Mittlerweile hatte er sich aber daran gewöhnt, auf der Strasse zu leben. Auch daran, Löcher in den Schuhen und schmutzige Kleidung zu haben. Nur andere Menschen um ein Almosen zu bitten, daran hatte er sich trotz all der Jahre noch nicht gewöhnen können. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er sich jemals daran gewöhnen könnte. Einmal im Jahr besuchten ihn die Theoretiker vom städtischen Wohlfahrtsamt. Eine wunderschöner Name für dieses Amt, welches sich um die Ausgegrenzten kümmerte. Diese Herren trugen Anzüge und gaben vor, seine Probleme zu kennen und ihn zu verstehen. So ein Witz. Sie mussten ja keine löchrigen Schuhe tragen. Die Anzugträger redeten dann mit ihm über belanglose Dinge, begleiteten ihn, für einen von der Stadt gesponserten Untersuch, zum Arzt, danach war er wieder für ein Jahr vergessen. Ausgegrenzt eben. Andere Freunde hatte Tom keine mehr. Er hatte sich äusserlich derart verändert, dass ihn seine ehemaligen Freunde gar nicht mehr erkannten. Da er nie mit anderen sprach, konnten sie auch anhand seiner Stimme nicht auf die Identität schliessen. Sie glaubten, er sei verschollen oder gar tot. 

Jeden Tag überlegte sich Tom, was er in Zukunft tun könnte, um aus seinem trostlosen Dasein auszubrechen. Einen Neuanfang wollte er wagen, nur wo und wie und vor allem womit? Geld besass er keines und in England wollte er auch nicht unbedingt bleiben. Aber wie wegkommen? Immer wieder dachte er nach. Schon oft hatte er gehört, dass einige versucht hatten, als blinde Passagiere mit dem Flugzeug auszureisen. Allerdings war da die Überlebenschance sehr klein, da die Temperaturen so weit über der Erde sehr tief waren. Zweitens war Tom nicht schwindelfrei und drittens wusste er auch nicht, wie er den Weg nach London zurücklegen sollte. Diese Möglichkeit fiel also gleich weg. Per Anhalter mit dem Auto auszureisen war auch nicht möglich, denn es gab ja Grenzkontrollen und einen Reisepass besass er auch nicht. Zudem konnte er sich nicht vorstellen, von jemandem, der ihn nicht kannte, mitgenommen zu werden. Er selbst hätte auch niemanden mitgenommen, besonders dann nicht, wenn es eine Grenze zu passieren gab und der Mitfahrer über keinen Reisepass verfügte. So war das Projekt vorerst aufgeschoben. 

Sein täglicher Ablauf blieb also beim Alten, keine Veränderung.

 


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